Direkt zum Inhalt
Hendrik Streeck: Drogenbeauftragter kritisiert teure Therapien im Alter

Kostenabwägung in der Medizin Hendrik Streeck: Drogenbeauftragter kritisiert teure Therapien im Alter

mr - 14.11.2025 - 15:30 Uhr
Loading audio player...

Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, hat mit einer kritischen Bemerkung zur medizinischen Versorgung hochbetagter Patientinnen und Patienten eine bundesweite Diskussion ausgelöst. Die Frage, ob sehr alte Menschen weiterhin besonders kostspielige Medikamente erhalten sollten, führte nicht nur zu breitem Protest aus Kreisen des Patientenschutzes und aus der Politik, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen nach Ethik und Wirtschaftlichkeit im deutschen Gesundheitssystem auf.

 

Debatte um teure Therapien im Alter

In einer Talksendung äußerte sich Hendrik Streeck, CDU-Gesundheitspolitiker, Virologe und seit Kurzem Drogenbeauftragter der Bundesregierung, zu seiner Einschätzung über medizinische Leitlinien: Es brauche seiner Ansicht nach klarere Vorgaben, für wen bestimmte neue Therapien tatsächlich geeignet sind. Am Beispiel fortgeschrittener Krebserkrankungen und teurer Medikamente, die oft nur geringen Nutzen am Lebensende versprechen, schilderte Streeck persönliche Erfahrungen aus der letzten Lebensphase seines Vaters und stellte die Kosten-Nutzen-Relation infrage. Kern seiner Aussage: Nicht jede Behandlung müsse zwingend bis ins höchste Alter ausprobiert werden.

Was als Denkanstoß für eine effizientere Steuerung von Gesundheitskosten gedacht war, sorgte für Unmut. Besonders kritisiert wird, dass solche Überlegungen den Eindruck erwecken könnten, ältere Menschen würden aus wirtschaftlichen Gründen von medizinischem Fortschritt ausgeschlossen.

Der Widerstand ließ nicht auf sich warten. Patientenschützerinnen und Patientenschützer sowie Oppositionspolitikerinnen und -politiker warfen Streeck einen Mangel an Empathie und eine unzulässige ökonomische Abwägung über Menschenleben vor. Spitzenvertreter wie der Linken-Fraktionschef Sören Pellmann nannten die Debatte „beschämend“ und warnten davor, dass eine solche Argumentation gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde.

Auch der stellvertretende Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Kubicki (FDP) äußerte sich entschieden kritisch:

Ein älterer Mensch hat genau denselben Anspruch auf eine gute medizinische Versorgung wie ein junger. Man muss über Effizienz im Gesundheitssystem reden, aber dieser kalte Zynismus von Hendrik Streeck stößt mich ab und steht im Widerspruch zu den fundamentalen Werten, auf denen dieses Land fußt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wolfgang Kubicki, 12. November 2025

Die Kontroverse erinnert an ähnliche Debatten der Vergangenheit: Bereits 2012 hatte Jens Spahn, CDU-Politiker und damaliger Nachwuchshoffnungsträger, mit kritischen Äußerungen zur Notwendigkeit kostspieliger Operationen bei älteren Patientinnen und Patienten eine Welle des Protests ausgelöst. Auch damals stand die Angst im Raum, medizinische Versorgung könne primär über ökonomische Kriterien gesteuert werden.

 

Die ethischen und systemischen Fragen im Fokus

Die Festlegung, welche Leistungen von gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, erfolgt durch den Gemeinsamen Bundesausschuss – ein Gremium, in dem Ärztinnen und Ärzte, Kassen und Kliniken, aber auch Patientenvertretungen beteiligt sind, letztere bislang allerdings ohne formales Stimmrecht. Angesichts steigender Ausgaben im Gesundheitswesen wächst der Druck, Versorgung auch nach Effizienzkriterien zu gestalten.

Demografisch steht Deutschland dabei vor großen Herausforderungen: Mit einem rasch wachsenden Anteil älterer Menschen und vielen chronisch Erkrankten steigen Kosten und ethische Anforderungen parallel. Wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, geben gesetzliche Krankenkassen pro Jahr Milliarden Euro für neue Medikamente aus – ein Trend, der sich in den kommenden Jahren weiter verstärken dürfte. Laut Expertinnen und Experten ist eine Debatte über Verteilung und Gerechtigkeit bei knappen Ressourcen zwar unvermeidbar, sollte aber immer von der Würde und dem individuellen Bedarf der Betroffenen ausgehen.

Während die Empörung noch anhält, stellen sich grundsätzliche Fragen ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Wie kann eine solidarische und zugleich nachhaltige Gesundheitsversorgung für alle Generationen gesichert werden? Wie viel Entscheidungsfreiheit dürfen medizinische Selbstverwaltung und Gremien bei der Auswahl von Therapien ausüben? Und wie kann der gesellschaftliche Diskurs so geführt werden, dass weder Versorgungsängste bei Älteren noch ein Klima der kalten Effizienz entsteht? Antworten darauf stehen noch aus und werden das politische Berlin vermutlich noch lange beschäftigen.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Klinik für Detransition

Texas setzt Trump-Agenda um

Eine der größten US-Kinderkliniken wird als erste ihrer Art eine Abteilung für Detransition einrichten. Kritiker warnen vor gefährlichen Folgen.
Notlage in Seattle

Queere Menschen suchen Zuflucht

Viele queere Amerikaner flüchten derzeit aus konservativen Bundesstaaten nach Seattle. Die Stadt ist überfordert und spricht von einer Notlage.
Studie zu sexuellem Missbrauch

Verstorbener Pfarrer aus Düsseldorf

Eine Studie der Missbrauchsfälle eines evangelischen Pfarrers in Düsseldorf belegt das Fehlverhalten der Kirche; Verantwortliche üben Selbstkritik.
Doch kein Social-Media-Verbot?

Experten betonen positive Folgen

Ist ein angedachtes Social-Media-Verbot für Jugendliche in Deutschland bald vom Tisch? Eine erste Anfrage der Linksfraktion legt das teilweise nahe.
Shigellose in der Community

Darminfekt unter schwulen Männern

Shigellose-Infektionen steigen unter schwulen Männern in den USA und Europa an, die Übertragung des Erregers erfolgt meist über spezielle Sexpraktiken
Niederlage in Australien

Rechte von queerer Frau gestärkt

Die Betreiberin einer App exklusiv für biologische Frauen ist mit dem Ausschluss einer trans* Frau vor Gericht in Australien final gescheitert.
Mehr Opferrechte in der EU

EU-Parlament vor Abstimmung

Im EU-Parlament sollen diese Woche mehr Rechte für Opfer von Gewalttaten beschlossen werden, inklusive eines besonderen Schutzes von LGBTIQ+-Menschen.
Statement des 1. FC Köln

Hasskommentare am Pranger

Der 1. FC Köln zeigt klare Kante und hat jetzt homophobe Hass-Botschaften von Fans mit Namen veröffentlicht.
Vandalismus in Neubrandenburg

Queere Literatur bewusst beschädigt

In der Regionalbibliothek Neubrandenburg wurden mehrfach gezielt queere Bücher zerstört, insbesondere Jugendliteratur. Der Täter ist bisher unbekannt.