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Der direkte Draht ins Rathaus
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Simon Kuchinke Der direkte Draht ins Rathaus

Advertorial - 31.07.2020 - 16:00 Uhr

Der 29-jährige SPD-Politiker ist ausgebildeter Kellner. Bei der Bürgerschaftswahl im Februar 2020 gelang es ihm, sich als offen schwuler Politiker durchzusetzen und ins Landesparlament zu ziehen. Dort vertritt er die Interessen der LGBTI*-Community besonders und ist für alle Wähler der direkte Draht ins Rathaus.
SCHWULISSIMO hat mit Simon Kuchinke über seinen Erfolg, seine Ziele und Vorhaben gesprochen.

 

Du bist der Draht ins Rathaus. Was bedeutet das für dich und die Hamburger?
Das bedeutet, dass ich als erster Kellner ins Rathaus eingezogen bin. Damit habe ich mein Ziel erreicht, mich unter den 60 Kandidaten als offen Schwuler Politiker durchzusetzen und bin somit auch ein Sprachrohr für die LGBTI* Community im Landtag. Ich finde es wichtig, dass die LGBTI* weiterhin im Rathaus vertreten sind. Es ist schon vieles geschafft, wie zum Beispiel die Ehe für alle oder Rehabilitierung von § 175 StGB. Aber da ist noch einiges auf dem Zettel. Deswegen braucht es immer eine queere Person am Tisch, die die Interessen der LGBTI* auf den politischen Plan bringt und vorantreibt.

Was sind die für dich wichtigsten Themen, die du in Hamburg gerne in Angriff nehmen würdest?
Das Thema Toleranz und Akzeptanz ist noch nicht überall durchgedrungen. Auch im Zuge der Flüchtlingskrise mit der Zu- und Einwanderung. Das ist ein Thema, bei dem wir in Hamburg ehrlich gesagt noch gar nicht so viel tun. Ich selbst wohne in St. Georg, eine Straße vom Steindamm entfernt, und kaufe dort jede Woche mein Gemüse – das ist eine ganz andere Welt.
Hier muss mehr vermittelt werden. In der Corona-Zeit bin ich als junger Homosexueller über den Steindamm gerannt und habe Menschen gezeigt, wie man Kurzarbeitergeld beantragen kann. Ich habe ihnen erklärt was man seinen Mitarbeitern empfehlen kann, damit sie noch was dazu verdienen können, und wie sie einen Antrag auf Grundsicherung stellen.
Gleichzeitig habe ich mit queeren Gastronomen geredet und gefragt wie es bei denen so aussieht. Partykonzepte – brauchen wir da was Neues? Jetzt gibt es beispielsweise digitale Formate, wo man am Wochenende Musik streamen kann.
Politik ist heute anders. Man muss viel mehr erklären. Man muss sagen „Hey, dich nervt diese Ampelschaltung vor der Haustür - das ist ein bezirkliches Thema. Das ist kein landespolitisches Thema, aber ich bin dein direkter Draht in die Politik. Ich kann dir sagen, wen du anschreiben musst und kann dir seine Kontaktdaten geben.“ Dann schreibst du ihm eine Mail oder rufst ihn an, es ist dein Bezirksabgeordneter. Der kann sich um so ein Thema kümmern. Menschen sehen immer nur Plakate bei den Wahlen aber sehen gar nicht, dass Politik am Ende eigentlich eine Dienstleistung ist.

Akzeptanz und Toleranz sind wichtige Themen, die du in Angriff nehmen möchtest. Was für Projekte hast du geplant?
Ich habe gerade einen Antrag geschrieben, der als Koalitionsantrag eingebracht wird. Dabei geht es um Artikel §3 Abs. 3 im Grundgesetz. Ich möchte diesen gerne um das Merkmal der sexuellen Identität erweitern. Es geht darum, die Lesbe, den Schwulen, den Transmenschen und den Intersexuellen vor Diskriminierung zu schützen – und zwar auch in der Verfassung. Das ist ein wichtiges Signal.
Hierzu läuft parallel auch ein Antrag im Bundestag. Dort regieren wir mit der Union, deshalb tut sich da leider gerade wenig. Aber das nochmal von Seiten des Bundesrats anzuschieben macht die Erweiterung zu einem wichtigen Meilenstein. Somit nutzt man das zweite Gremium unseres Föderalen Staats, um Gesetze zu verabschieden und voranzutreiben.

Außerdem sollten wir mit den queeren Institutionen solidarisieren. Zum Beispiel sollten Projekte wie „Soorum“ gefördert werden, die machen eine fantastische Jugendarbeit. Sie gehen an Schulen und sprechen auf ganz einfachem und verständlichem Niveau mit einer achten Klasse über Sexualität: „Hey lasst uns mal darüber reden. Es gibt nicht nur Jungs, die Mädchen lieben. Es gibt auch noch Anderes. Habt ihr davon schon gehört oder kennt ihr vielleicht jemanden? Erzählt doch mal! Vielleicht habt ihr auch eine Frage dazu?“. Sie haben wirklich ganz tolle Aufklärungsprojekte.

Auch der Gesundheitsbereich ist natürlich ein wichtiges Thema. Auch mit Dingen wie „PrEP“ gibt es dennoch andere STIs. Diese Aufklärungsarbeit zur Thematik ist immer noch wichtig und so müssen wir Institutionen wie Hein&Fiete unterstützen. Die leisten in der Community jede Woche gute Arbeit durch ihr umfangreiches Test- und Beratungsangebot. HIV ist ein tödliches Virus, das noch nicht besiegt ist. Dagegen gibt es keinen Impfstoff im nächsten Jahr wie eventuell bei Corona. Das wird uns noch die nächsten Jahre trotz PrEP begleiten.

Also möchtest du die gegebenen Strukturen in der Szene noch ein bisschen stärken?
Ja und vielleicht auch neue schaffen - zum Beispiel im Drogenbereich. Als Schwuler ist es mittlerweile so, dass man auf bestimmten Dating Portalen in jeder dritten Nachricht gefragt wird, ob man neben Poppers auch andere Chems nimmt. Anstatt nach einem Kaffee-Date zu Fragen, wird sich direkt nach Sex auf Drogen erkundigt. Hier müssen wir Institutionen finanzielle Mittel an die Hand geben und somit für eine ordentliche, queere Drogenberatung sorgen.

Wie schwer fällt dir der Spagat zwischen „LGBTI*- Stimme sein“ und die Interessen der anderen Wähler nicht aus den Augen zu verlieren? Wie machst du das?
Das ist er gar nicht so leicht. Selbst innerhalb der Community gibt es schon so viele unterschiedliche Meinungen und Interessen. Zum einen gibt es die jüngeren Menschen, denen es total egal ist welche sexuelle Orientierung oder Identität du hast. Die haben heute eine Freundin und morgen einen Freund, sie sind total offen. Zum anderen hast du natürlich auch die Älteren. Sie haben alles, was wir jetzt haben, für uns erkämpft. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass wir inzwischen so ein freies Leben führen können und an jeder Straßenecke eine Regenbogenflagge sehen, wenn gerade PRIDE-Week ist. Diese Mischung ist großartig, aber beide Seiten haben ganz andere Sachen auf dem Zettel.
Man versucht alle im Blick zu behalten und eine Balance zu wahren. Ich glaube, dass ich das ganz gut schaffe. Ich bin offen und treffe mich mit jedem - ob mit dem schwulen 80-jährigen Gastronom von der Piccadilly Bar oder mit 18-jährigen im Kyti Voo.Egal ob du queere Politik oder Wirtschafts-Politik machst: Die Menschen haben immer unterschiedliche Interessen und du musst einfach versuchen, alles so gut wie möglich unter einen Hut zu kriegen.
Gewählt haben mich nicht nur die LGBTI*- Menschen in dieser Stadt, sondern auch ganz viele andere Hamburger. Es ist meine Aufgabe, all diese verschiedenen Bürger und Interessen zu vertreten – schließlich bin ich für meine Wähler der direkte Draht ins Rathaus.

Wie gehst du in der Politik mit deiner Homosexualität um, bzw. wie wirst du aufgenommen?
Ich sage es ganz offen. Aber ich weiß natürlich, dass es zwei Generation vor mir noch ganz anders war. Wenn man da etwas werden wollte, hat man eher nicht darüber geredet.
Ich hingegen habe mich mit 15 Jahren geoutet und fast nur positives Feedback bekommen. Deswegen habe ich auch gesagt, dass ich dieses Thema begleiten und übernehmen möchte. Bis jetzt hat mich noch keiner wirklich schief angeguckt. Ich habe gesagt, ich würde gerne Sprecher für dieses Thema werden und da hat auch keiner mit den Augen gerollt. Sie waren sogar dafür, gerade nach meinem Wahlkampf habe ich das auch verdient. Also wirklich wenig Widerspruch, du merkst vermutlich deutlich mehr, wenn du an der U-Bahn stehst und mit deinem Freund Händchen hältst. Da gibt es eher Menschen, die sagen „Ey könnt ihr aufhören damit, denn A ist das widerlich und B sind hier Kinder“.

Aus den anderen Parteien hast du auch noch keine dummen Kommentare bekommen?
Bis jetzt bin ich noch nicht so aufgefallen. Spannend wird es aber, wenn der eben erwähnte Antrag auf die Tagesordnung kommt. Wenn alle demokratischen Fraktionen zustimmen und die AfD wirklich dagegen angeht, wird es eine Debatte dazu geben. Dann werde ich wahrscheinlich auch etwas dazu sagen. Ich kann das noch nicht einschätzen, vielleicht gibt es auch keine Debatte.

Für deinen politischen Erfolg bist du noch recht jung. Merkst du das in der Politik oder auch privat manchmal?
Ja natürlich. Die Leute gucken mich schon an und sagen „Krass du bist schon Politiker?!“ Wenn man Leuten erzählt, dass man in der Hamburgischen Bürgerschaft ist, denken sie immer, das ist ein kommunales Parlament. Aber es ist ein Landtag und wir haben nur 16 Landtage in Deutschland, das heißt schon was. Viele sind auch begeistert, was man mit 29 schon erreicht hat.
Aber du kommst in Strukturen von Leuten, die das schon 15 oder 20 Jahre lang machen und alle vernetzt sind. Sie kennen sich untereinander, auch in den Fraktionen. Man kämpft im Wahlkampf gegeneinander, aber eigentlich arbeitet man im Parlament sehr gut zusammen. Da merke ich dann vielleicht nicht unbedingt das Alter, aber auf jeden Fall, dass ich der Neue bin. Es kommt auch keiner auf dich zu, nimmt dich an die Hand, führt dich durchs Rathaus und zeigt wie es hier läuft. Jeder macht da sein Ding. Wenn du mitspielen willst musst du loslaufen, alleine. Da muss man manchmal über seinen Schatten springen.

Wie sieht es thematisch aus? Jüngere Menschen verfolgen andere Interessensgebiete und Themen als Ältere. Merkst du das als junger Politiker?
Ja, besonders wenn es um Autos oder die Umwelt geht. Ich bin leidenschaftlicher Fahrradfahrer und finde auch, dass wir sehr viele Staus haben. Ich weiß aber auch, dass die Generationen vor mir nicht so ticken wie ich. Es gibt schon Unterschiede, aber zum Glück haben wir einen Bürgermeister, der relativ offen für Innovation und aufgeschlossen gegenüber Vorschlägen ist.

Vom Kellner ins Rathaus, das klingt ja fast wie der American Dream – wie erklärst du dir deinen Erfolg und was kannst du als Kellner (bzw. was du als Kellner gelernt hast) in die Politik mitbringen?
Es ist keine große Erfolgsgeschichte eigentlich. Man verdient natürlich Geld mit dem was man macht, aber gerade in Hamburg ist es nicht so, dass man davon reich wird. Man kauft sich davon keine Rolex.

Ich habe im Wahlkampf wirklich hart gearbeitet und ich glaube, dass viele Menschen das gesehen haben. Außerdem war ich viel auf der Straße und somit für die Menschen sehr präsent. Gerade als Neuling habe ich an jeder Straßenecke „Namedropping“ betrieben. Viele haben dann durch Zauberhand die Aufkleber, die ich ihnen in die Hand gedrückt habe, auf Laternenmasten geklebt -warum auch immer. Das hätten sie nicht tun dürfen, haben sie aber.
Ich stand in der Mönckebergstraße und habe mit 1000 Menschen über alle möglichen Themen gesprochen. Nicht nur über meine Expertise, sondern auch über viele andere Dinge.
Als Kellner aus der Gastro besitze ich dieses „Dienstleister-Gen“. Ich will dir einen schönen Abend im Restaurant bereiten und dir dein Stück Kuchen mit einem Lächeln servieren, weil du der Gast bist. Du sollst dich wohlfühlen und dann erzählen, wie witzig der Kellner beispielsweise war. Man muss das aber schon gerne machen, und das tue ich. Dieser Dienstleistungsaspekt ist mir sehr wichtig. Es ist eine befristete Tätigkeit und umso besser ich es mache, umso größer sind die Chancen, vielleicht nochmal von meiner Partei aufgestellt und erneut gewählt zu werden.

Ich bin wirklich 24 Stunden erreichbar. Ich schreibe überall meine Handynummer drunter und jeder kann mich direkt anrufen.
Der direkte Draht, der möchte ich wirklich gerne sein. Ich finde es so wichtig, dass Politik nicht elitär oder abgehoben ist. Politik ist eigentlich super nah!

Danke für deine Zeit und das nette Gespräch. Weiterhin viel Erfolg!

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