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Apropos Leben Spieglein, Spieglein...

rb - 13.09.2019 - 07:00 Uhr

Märchen haben ja auch eine psychologische Seite. Beispiel „Schneewittchen“: Stiefmütterlicher Schönheitsneid mit tödlichen Folgen. Neid ist der Ausdruck eines echten oder empfundenen Mangels oder Unvermögens. Der Spiegel spielt im Märchen die entscheidende Rolle. Er gibt der zweifelnden Königin entsprechendes Feedback. Übertragen auf Social Media sind dies Likes oder Dislikes der Community. Es gibt tatsächlich einige Studien zu Selfies, die manche schon als eine Art Manie betrachten. Es ist von Eitelkeit, Selbstdarstellung und sogar Narzissmus die Rede. Selfies werden zu allen Gelegenheiten gemacht, wichtig dabei scheint die optimale Inszenierung. Schön und interessant zu sein - das ist oberstes Gebot. Man zeigt, was man ist, was man hat und wo man ist.

Sind nun die Selfie-Macher besonders selbstbewusst? Oder dienen die massenhaften Selbstporträts vielleicht nur der Selbstvergewisserung? Die Technik hat dem Phänomen natürlich Auftrieb gegeben. Mit dem Smartphone ist es sehr einfach geworden. Früher waren schon einige Verrenkungen nötig, um sich selbst gut fotografieren zu können. Und digitale Fotos können schnell gelöscht und neu gemacht werden. Auch das gute alte Autogramm ist völlig aus der Mode gekommen. Statt ein Star-Foto mit Signatur zu erbitten, stellt man sich heute neben die Promis und macht den Schnappschuss. Der natürlich eilig hochgeladen und mit der Community geteilt wird. Dann ist man sehr gespannt, wie die das finden. Wissenschaftler haben auch heraus gefunden, dass Viel-Poster von Selfies wenig Interesse an den Posting anderer Leute haben. Nur wenn diese viel Resonanz erhalten, dann entstehen wiederum Selbstzweifel. Also werden noch mehr eigene Selfies gepostet, um damit klar zu kommen. Eine Art Neidspirale entsteht.

Das Phänomen hat sicher mit auch mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit zu tun. Denn Aufmerksamkeit ist die neue soziale Währung. Wer viel davon hat, ist bedeutend. In der Massen- und Mediengesellschaft ist der Drang nach Individualismus und Einzigartigkeit natürlich besonders groß. Um die eigene Bedeutung zu steigern, kann man durch die Wiederholung der Botschaft Erfolge erringen. So funktioniert Werbung. In diesem Fall spricht man von Personal Branding. Der Mensch wird zu Marke, und man wird sein eigener Marketingmanager. Marketing ist ein entscheidender Aspekt des wirtschaftlichen Handelns. Und dann sind wir schon bei der Ökonomisierung des Privaten. Denn so wie man früher in Telefonzellen ging, um ungehört und ungestört Gespräche zu führen, so telefoniert man heute in aller Öffentlichkeit zu manchmal sehr privaten Themen. Dies erzeugt Aufmerksamkeit. Auch Selfies sind ja eigentlich frisierte Einblicke in das Privatleben der Menschen, die sozusagen „ökonomischen“ Zwecken dienen: nämlich den eigenen Marktwert zu steigern. Die Enttäuschung ist groß, wenn dieser Nutzen nicht eintritt. Das Märchen von Schneewittchen hat ein Sad Ending: Ein Wurm frisst der bösen Königin das Herz auf. Das ist das Symbol für den Neid. Manche sagen ja, dass PR wirksamer ist als Werbung. Das entspricht der Meinung, dass Eigenlob stinkt. Aber wenn andere nichts oder nichts Gutes über mich verlautbaren, dann muss ich es halt selbst machen. Denn die anderen sind ja damit beschäftigt, sich selbst in Szene zu setzen...

Narzissmus

Im Mythos verliebt sich Narziss in das eigene Spiegelbild und geht daran zugrunde. In der Psychologie bezeichnet man Menschen, deren Gedanken und Handeln stets um die Überhöhung der eigenen Persönlichkeit und Ausstrahlung kreisen, als Narzissten. Damit geht auch oft Fremdabwertung einher, also die Nichtakzeptanz des Werts anderer Menschen. Die Folgen solchen Verhaltens können Neurosen und Einsamkeit sein.

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